Freundschaft von A. Nurbakhsh

Die Sufis sprechen von Gott als dem „Freund“ (dūst). Das basiert auf dem Koranvers „yuhibbuhum wa yuhibbuhunah“ ( „Gott liebt sie und sie lieben Ihn,“ 5:45), der von den Sufis so interpretiert wird, dass es Gottes Liebe ist, die unsere Liebe zu Ihm erblühen lässt. Fakhruddin Iraqi, der Persische Sufi des 13. Jahrhunderts, definierte Freundschaft zu Gott als eine Beziehung, bei der die Liebe Gottes der Liebe des spirituell Suchenden zu Gott vorausgeht. Anders ausgedrückt ist Gott der Freund, weil Er uns die Erfahrungen von Liebe und Liebenswürdigkeit eingeflößt hat. Aus Sicht der Sufis kann man interpretieren, dass ein Freund jemand ist, der uns hinführt, Liebe und Freundlichkeit zu erleben.

Aber es gibt noch einen tieferen Grund, Gott als „Freund“ zu bezeichnen. Dieser ist – meiner Meinung nach um hervorzuheben, dass man durch den Akt der Freundschaft Einheit erfahren kann.
Damit meine ich die Erfahrung, in der wir uns nicht als von anderen getrennt wahrnehmen. Dieser schrittweise Verlust der Selbstbezogenheit kann mit dem Mitgefühl für andere beginnen, dann zu einer Identifikation mit anderen heranwachsen und schließlich in der Erfahrung der Einheit mit allem zu gipfeln, in der man sich tatsächlich keiner Trennung mehr zwischen sich und anderen bewusst ist. Muhammad Shirin Maghribi, der Persische Sufi des 14. Jahrhunderts, schrieb folgendes Gedicht über solch eine Erfahrung:

Der spirituelle Freund klopfte letzte Nacht an meine Tür.
„Wer ist da?“, fragte ich. Er antwortete: „Öffne die Tür! Du bist es!“
„Wie kann „Ich“ „Du“ sein?“, fragte ich. Er antwortete: „Wir sind Eins,
aber der Schleier gaukelte uns Dualität vor.“
Wir und ich, er und du, wurden ein Schleier
und wie gut verschleierte er dich vor dir selbst!
Wenn du wissen möchtest, wie wir und er und alle Eins sind,
dann überwinde dieses „Ich“, dieses „wir“, dieses „du“.

Der Akt der Freundschaft unterscheidet sich vom Akt des Liebens. In einer Freundschaftsbeziehung sorgen sich beide Parteien umeinander und ziehen gegenseitig Vorteile daraus. Diese Gegenseitigkeit kann in einem Akt der Liebe nicht existieren, denn wir können jemanden lieben, ohne eine Gegenleistung vom Geliebten zu erwarten oder ohne dass er /sie sogar weiß, dass er / sie von uns geliebt wird.

Aristoteles war einer der ersten Philosophen der Antike, der über die Natur der Freundschaft schrieb. In seiner „Nikomachischen Ethik“ stellt er drei Hauptgründe dar, warum Menschen miteinander Freundschaft schließen. Diese Gründe sind Vergnügen, das Ziehen von Nutzen und guter Charakter. Von diesen dreien impliziert nach Aristoteles´Ansicht nur eine Freundschaft, die auf einem guten Charakter basiert, die Möglichkeit, sich zu einer perfekten Freundschaft zu entwickeln. Das hängt daran, dass nur in einer solchen Freundschaft, der eine den anderen mag oder liebt um seiner selbst willen. In einer Freundschaft, die auf Vergnügen oder Nutzen basiert, ist es so, dass wir dadurch, dass wir dem anderen Vorteile gewähren, im Grunde nur selbst profitieren wollen.

Gemäß Aristoteles ist ein wahrer Freund der, der uns nicht nur um unserer selbst willen mag, sondern derjenige, der auch das möchte, was gut für uns ist. Freundschaft ist eine Beziehung gegenseitigen Wohlwollens, in der jede Partei die andere um deren selbst willen mag und immer das Beste für den anderen möchte.

Es gibt zwei Aspekte von Aristoteles´Sicht der Freundschaft, die relevant sind für das Verständnis von Freundschaft aus der Sicht der Sufis. Der erste Aspekt ist, dass eine perfekte oder wahre Freundschaft nicht auf Hintergedanken basieren sollte. Je mehr wir jemanden dafür mögen, wer er ist, umso näher kommen wir heran, unser Selbst nicht in dieser Freundschaft zu erfahren. Das Abstreifen von Hintergedanken in unseren Freundschaften zu anderen bringt uns näher an die Erfahrung der Einheit heran, denn es ist in erster Linie unser Wunsch, zu profitieren, der uns stets von diesem Erlebnis der Erfahrung der Einheit abhält.

Der zweite Aspekt von Aristoteles´Theorie über Freundschaft – von ihm „eunoia“ genannt- bezeichnet das Wohlwollen gegenüber jemandem oder das, „was gut für den anderen ist“. Aristoteles erklärt das nicht näher, da er wohl davon ausging, dass dieses Konzept hinreichend verständlich sei. „Wollen, was gut für den anderen ist“ heißt aus Sicht der Sufis nicht nur, den anderen von der Freundschaft profitieren zu lassen, sondern umfasst noch zwei weitere fundamentale Prinzipien.

Das erste Prinzip ist die Akzeptanz unserer Freunde, so, wie sie sind, ohne sie für ihre Mängel zu kritisieren. Freunde „sehen“ keine Fehler im anderen, denn jeder jeder sieht den anderen als Teil des Ganzen, des Einen. Es gibt eine Geschichte über Ibrahim Adham, einen Persischen Sufi des 9. Jahrhunderts aus Khorasan, der einst Besuch von einem Fremden erhielt. Der Gast blieb einige Tage bei Ibrahim und als er wieder aufbrechen wollte, bat er Ibrahim, ihn auf Fehler hinzuweisen, die ihm während seines Aufenthalts an ihm aufgefallen seien. Ibrahim antwortete: „Ich betrachtete dich mit den Augen eines Freundes und daher war alles an dir angenehm für mich.“

Das zweite Prinzip ist, dass für einen Sufi Wohlwollen in dem Sinne verstanden werden sollte, dass man zuallererst daran denkt, was gut für andere ist und erst danach, was gut für einen selbst ist. Unsere Freunde sollte immer Vorrang vor uns selbst haben.

Sufis bezeichnen ihren spirituellen Führer als „Freund“, und die Beziehung zwischen Meister und Schüler wird im Sufismus oft als „Freundschaft“ dargestellt. Das Verständnis von Wohlwollen bekommt in diesem Zusammenhang eine andere Bedeutung. Es scheint so, dass für Aristoteles sowohl Spender als auch Empfänger von Zuwendung sich beide des Aktes des Wohlwollens bewusst sein sollten. Das ist die Art und Weise, wie Freunde ihre Verbindung genießen und schätzen, und das ist auch in der vorangegangenen Diskussion über Freundschaft und Sufismus grundlegend.

Aber im Kontext der spirituellen Lehrer-Schüler-Beziehung kann dass, „was gut für den anderen ist“ unter Umständen nicht das sein, was der Schüler möchte; stattdessen könnte es unangenehm oder sogar schmerzhaft sein. Das liegt daran, dass die meisten von uns Gefangene Ihres eigenen Egos sind und darum das Wohlwollen anderer nur daran messen, ob es das eigene Verlangen und Wünsche befriedigt. Ein spiritueller Führer ist im Sufismus jemand, der ohne Wertschätzung oder Dankbarkeit zu erwarten, Gelegenheiten für uns schafft, unser Ego ( nafs ) zu konfrontieren und unsere eigene Unvollkommenheit zu erkennen und uns dann zu helfen, unsere Mängel zu überwinden. Das kann manchmal Schmerz oder Ärger dem Führer gegenüber in uns hervorrufen, so wie wir normalerweise eben negativ reagieren, wenn Leute uns unsere Mängel aufzeigen.

Rumi erzählt in seinem Werk „Mathnawi“ die Geschichte von Dhu´l-Nun, einem Sufimeister, der im 9.Jahrhundert lebte und der von seinen eigenen Leuten ins Exil geschickt wurde, weil sie sein seltsames Verhalten nicht tolerieren konnten. Eines Tages beschloss eine Gruppe sogenannter Freunde Dhu´l-Nuns ihn zu besuchen. Als sie seinen Raum betreten wollten, fragte Dhu´l-Nun, wer sie seien; sie antworteten, sie seien seine Freunde. Sobald Dhu´l-Nun dies hörte, begann er, sich wie ein Wahnsinniger aufzuführen und verfluchte sie, woraufhin sie alle flohen.

Dhu´l-Nun brach in Gelächter aus, schüttelte seinen Kopf,
„Hört die leeren Worte meiner sogenannten Freunde.“
Ein wahrer Freund fühlt sich nie belästigt durch das Leiden eines anderen,
die Güte eines Freundes ist wie eine Muschel, die das Leid des anderen verschlingt.
Das Band der Freundschaft kann nicht in guten Zeiten gebunden werden,
es ist in Zeiten von Unglück und Leid, in der wir die Nähe der Freunde suchen.
Ein Freund gleicht purem Gold und das Leiden gleicht dem Feuer.
Pures Gold bleibt glückselig inmitten des Feuers.

Dhu´l-Nuns Verhalten war tatsächlich ein Akt des Wohlwollens, auch wenn seine sogenannten Freunde nicht die Einsicht hatten, ihn als solchen wertzuschätzen. Er gab ihnen die Gelegenheit, ihre eigene Heuchelei und Unaufrichtigkeit zu erkennen – eine Gelegenheit, die sie nicht wahrnehmen oder annehmen wollten – uns somit zahlte er weiter den Preis für sein Wohlwollen, indem er weiterhin im Exil verblieb.

Was Dhu´l-Nuns Freunden fehlte, war die Fähigkeit des Vertrauens in ihren Freund. Durch das Vertrauen in unsere Freunde geben wir ihnen die Gelegenheit, uns ihre essentielle Güte zu offenbaren. Durch Vertrauen können wir unsere Freunde so akzeptieren, wie sie sind und daran glauben, dass sie letzten Endes nur das Beste für uns wollen. „Gottvertrauen“ zu haben bedeutet hier umfassend und vollständig in Frieden zu sein mit dem was ist und was in unserem Leben geschieht, denn „Gott“ als unser „Freund“ möchte immer nur, was gut für uns ist, auch wenn wir das nicht immer als solches erkennen können.

Artikel aus dem Sufi-Journal, Ausgabe 82, 2012

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