Göttliche Liebe | A. Nurbakhsh

Als ich zum ersten Mal die Geschichte von Moses und dem Hirten las, war ich erstaunt über die Tatsache, dass der Hirte Gott viel näher war als Moses, obwohl die Gottesvorstellung des Hirten nicht im entferntesten plausibel erschien. Jahre später, als ich die Geschichte erneut las, schien mir, dass Rumi ein tiefes Geheimnis göttlicher Liebe enträtselt hat: Um Gott zu lieben, muss man kein treffendes Konzept oder eine adäquate Vorstellung von Gott haben; was erforderlich ist, ist ein brennendes Herz.

Rumis Geschichte beginnt, als Moses auf seinem Weg durch die Wüste einem Hirten begegnet, der zu Gott spricht. „Oh Du, der über alles bestimmt,“ betet der Hirte, „wo bist Du, damit ich Dein Diener werden kann, der Deine Schuhe näht und Dein Haar kämmt? Damit ich Deine entzückenden kleinen Hände küssen und deine Füße massieren kann und die kleinen Ecken des Raumes, in dem Du Dein Haupt niederlegst, ausfege. Oh Du, dem ich all meine Ziegen als Opfer darbringe, Du, dessen Erinnerung all mein Seufzen und Weinen auslöst.“

Hörend, welch fehlgeleitetes Geplapper er von sich gab, näherte sich Moses dem Hirten, um ihn zu tadeln und ihn wissen zu lassen, dass er sich durch das Aussprechen solch blasphemischen Unsinns als Ungläubiger offenbart habe. Als der Hirte den Tadel aus dem Mund des Propheten Gottes vernahm, war zutiefst beschämt über sich selbst und bereute seine gotteslästerlichen Worte. Mit brennendem Herzen zerriss er seine Kleidung und floh in die Wüste. Plötzlich überkam Moses eine göttliche Offenbarung: „Wisse, dass ich nicht auf die nach außen gerichteten Worte von jemandem achte, aber darauf, was in ihm vorgeht. Ich schaue in das Herz um zu sehen, ob es demütig ist, sogar, wenn es den gesprochenen Worten an Respekt mangelt. Das Herz ist die Substanz, Sprache nur Zufall und die Substanz ist für Mich das einzig interessante. Ich verlange ein brennendes Herz, keine bloßen Worte und Konzeptionen. Entzünde ein Feuer der Liebe in deiner Seele, Moses, und verbrenne jeglichen Ausdruck und Gedanken. Es gibt jene, die sich um Konventionen und Praktiken sorgen, während die Anderen, deren Sein und deren Geist brennen, auf andere Art vollständig sind.“

Zwischenmenschliche Liebe beginnt mit einer Begegnung – unsere Konzepte und Beschreibungen für die Person, die wir lieben, kommen später. Beschreibungen helfen uns, mit der Person, in die wir uns verliebt haben, verbunden zu sein, nachdem die Liebe durch die Begegnung entfacht wurde. Das Gleiche gilt für Göttliche Liebe. Ohne eine Begegnung mit dem Göttlichen, kann keine Göttliche Liebe vorhanden sein. Alleine durch die Beschreibung des Göttlichen kann man keine Göttliche Liebe empfinden und daran teilhaben – auch wenn es die zutreffende Beschreibung ist. Eine Begegnung mit dem Göttlichen ist die Voraussetzung für Göttliche Liebe. Sie steht am Anfang: Danach kann man jede Beschreibung wählen, die man bevorzugt, um sich auf das Göttliche zu beziehen – so, wie es der Hirte tat.

Sufismus, Deutschland, ÖsterreichAber wie kommt die Begegnung mit dem Göttlichen zustande? Es gibt kein Rezept und keine Formel für solch eine Begegnung. Es kann plötzlich während einer normalen weltlichen Erfahrung geschehen, wie dem Lächeln eines Freundes, dem Hören einer Melodie, beim Begreifen der Bedeutung eines Liebesgedichtes, durch die Güte eines Fremden oder beim Erleben der liebevollen Zuwendung einer fürsorglichen Person. Der Punkt ist, dass wenn die Begegnung stattgefunden hat, derjenige seine oder ihre Reise auf dem Pfad der Göttlichen Liebe beginnt. Wie unterscheidet sich diese Liebe von der Liebe zwischen zwei Personen? In Rumis Geschichte erzählt Gott Moses, dass das, was Er wünscht, ein „brennendes Herz“ ist und keine bloßen Worte und Ausdrücke. Wenn wir uns von dem Ausdruck „Brennendes Herz“ hier leiten lassen, dann bezieht sich Göttliche Liebe auf eine Art des Liebens, die sich nicht in Begriffen seines Objekts definiert. Was unsere Liebe göttlich macht, ist nicht, was wir lieben, sondern die Art, wie wir lieben, was wir lieben.

Es mag sich widersprüchlich anhören. Einerseits habe ich angedeutet, dass eine Begegnung mit dem Göttlichen die Voraussetzung Göttlicher Liebe ist, andererseits behaupte ich, dass das, was unsere Liebe göttlich macht, die Art und Weise ist, wie wir lieben, nicht, was wir lieben. Warum sollte eine göttliche Begegnung nötig sein, wenn es nur die Art unserer Liebe ist, die unser lieben göttlich macht? Außerdem – wenn wir fähig sind, dem Göttlichen zu begegnen, um damit zu beginnen- warum sollte man dann nicht die Göttliche Liebe hinsichtlich einer solchen Begegnung beschreiben?

Die Begegnung mit dem Göttlichen ist unerlässlich für uns, um die Liebe zum Göttlichen zu entfachen. Trotz dessen ist solch eine Begegnung kein Ereignis, das außerhalb dieser Welt geschieht oder jenseits unseres Raum-Zeit-Kontinuums. Das liegt daran, dass jedes Objekt in dieser Welt das Göttliche manifestiert und deswegen kann eine Person dem Göttlichen in allem, überall und jederzeit begegnen. Aber wenn es geschieht – und es ist entscheidend, dass es passiert – erkennen wir, dass das Göttliche alles durchdringt. So besteht eine Möglichkeit, Göttliche Liebe zu definieren darin, sie als Liebe zu Allem zu sehen, im Gegensatz zur Liebe zu einem einzelnen Objekt. Aber diese Definition unterscheidet Göttliche Liebe nicht ausreichend von menschlicher Liebe und die Frage bleibt: Ist die Natur Göttlicher Liebe ( bzw. der Liebe zu Allem ) die Gleiche wie die menschlicher Liebe?

Wenn wir zu der Erkenntnis gelangen, dass das Göttliche alles durchdringt, dann ändert sich unsere Art der Liebe zum Göttlichen auf dramatische Weise. So wie das Objekt unserer Liebe Alles wird, entwickelt sich die Art der Liebe von menschlicher zu göttlicher Natur.

Göttliche Liebe kann mit unserer Liebe zu anderen beginnen, aber allmählich wächst unsere Liebe hin zur Umarmung des Ganzen, und wenn unsere Liebe alles umfasst, übersteigen wir den Standard, der mit menschlicher Liebe in Verbindung gebracht wird und die Art der Liebe ändert sich in drei wichtigen Punkten.

Rumi, Sufismus, Deutschland, ÖsterreichDie erste ist ihre bedingungslose Natur. Menschliche Liebe ist eine wechselseitige Beziehung zwischen zwei Personen, basierend auf gegenseitigen Erwartungen. Wenn wir von der geliebten Person schlecht behandelt werden oder die Person unsere Erwartungen nicht erfüllt, dann ist es nur menschlich, dass wir uns „entlieben“ und uns jemand anderen suchen, der unsere Erwartungen und Bedürfnisse besser erfüllt. Bei Göttlicher Liebe jedoch wird die vorbehaltliche menschliche Liebe transzendiert. Unsere Liebe wird göttlich, wenn sie sich nicht verringert angesichts von Härte oder Gleichgültigkeit, die uns der geliebte Mensch entgegenbringt. Ein „brennendes Herz“ zu besitzen bedeutet, nie aufzuhören zu lieben, ganz egal, wie sich der Geliebte verhält, egal, ob er Härte oder Güte zeigt. Der Hirte verbleibt in der Liebe zu Gott, trotz Moses´Tadel, obwohl er Moses´Vorwurf als von Gott selbst kommend auffasst.

Der zweite Punkt, in dem sich menschliche Liebe von göttlicher unterscheidet ist die unterschiedslose oder allumfassende Natur Göttlicher Liebe. Bei unserer Liebe zu anderen lieben wir Personen, die sich um uns kümmern oder denen wir uns nahe fühlen. Wir können anderen gegenüber Gleichgültigkeit empfinden und gelegentlich scheint es uns auch möglich, andere zu hassen. Demgegenüber steht die Göttliche Liebe, die alles umfasst. Wer ein „brennendes Herz“ hat, kann in seinem oder ihrem Herzen keinen Hass oder keine Gleichgültigkeit entdecken. Es ist so, als ob Göttliche Liebe jeden Gedanken oder jedes Gefühl des Hasses oder der Gleichgültigkeit gegenüber anderen auslöscht. Das ist die Essenz des Mitgefühls. Derjenige, der in Liebe mit dem Göttlichen verbunden ist, möchte, dass andere glücklich und frei von Sorgen sind, ungeachtet dessen, was sie sind – Feind oder Freund.

Der dritte Unterschied ist, dass bei Göttlicher Liebe der Liebende selbstlos ist in Bezug auf den Geliebten oder die Geliebte. Bei gewöhnlicher Liebe ist es üblich für den Liebenden, den oder die Geliebte nur solange zu begehren, wie selbige/r die Wünsche und Bedürfnisse des Liebenden befriedigen kann. Dabei ist der Liebende motiviert von dem, was ihn oder sie glücklich macht, nicht davon, was der / die Geliebte möchte. Aber bei Göttlicher Liebe werden dem Geliebten Vorrang und Wichtigkeit eingeräumt; der Liebende möchte nur, was der Geliebte möchte. Rumi drückt diese Art von Liebe zu seinem Meister, Shams Tabrizi, in diesen Zeilen aus:

Oh König der Liebenden,
hast du je jemand wohltätigeren als mich gesehen?

Ich bin lebendig mit denen, die mit Dir lebendig sind
und tot mit denen, die mit Dir tot sind.

Es ist die initiale Begegnung mit dem Göttlichen, die unsere Reise auf dem Pfad der Göttlichen Liebe ermöglicht. Ohne solch eine Begegnung ist es eine unmögliche Aufgabe, bedingungslos, kritiklos und selbstlos zu lieben.

Ein Artikel aus dem englischen Sufimagazin Ausgabe 82, Sommer/Herbst 2010

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