Loslösung – A. Nurbaksh

von Alireza Nurbakhsh

Das Angehaftet-Sein ist eine Geistesverfassung in der wir nicht im Stande sind unsere Aufmerksamkeit von unseren Beziehungen, Leidenschaften, Besitz, Angst, Einstellungen und unseren Meinungen zu lösen, weil unser Wesen sich damit beschäftigt. Gegensätzlich dazu ist die Loslösung, ein Zustand in dem man von diesen Dingen und Emotionen ohne jegliches Bedauern und Reue loslassen kann, was uns die Möglichkeit gibt ohne Verzerrungen die Welt zu betrachten und in ihr zu handeln, die aus der ständigen Sorge um unsere Anhänglichkeit entspringen. Ein weit verbreitetes Beispiel der Anhänglichkeit ist unser zentraler Gegenstand Geld zu verdienen. Wir brauchen Geld, um unsere Grundbedürfnisse wie Essen, Kleidung und Unterkunft für uns und diejenigen, die von uns abhängig sind, zu erfüllen. Wenn wir aber mehr Geld als wir brauchen anhäufen, nach immer mehr verlangen und fortwährend Angst haben es zu verlieren oder Angst haben nicht genug davon zu haben, so haben wir uns von unserem Reichtum abhängig gemacht, mit dem Ergebnis, dass unsere Gedanken und unser Verhalten von diesen Sorgen beherrscht werden.

Die meisten spirituellen Traditionen warnten auf die eine oder die andere Weise über die schlimmen Konsequenzen der Anhänglichkeit an die Welt. Der Buddha hat roerich-Buddha-meditationgelehrt, dass Anhänglichkeit zum Leiden führt, weil sehr viele Dinge nach denen wir verlangen sich außerhalb unserer Reichweite befinden und jene Dinge, in deren Besitz wir kommen sich verändern können oder vergehen. Daher ist das Losgelöst-Sein von der Welt, in dem Sinne nach nichts zu verlangen, das Leiden beseitigt. Man sollte sich von seinen Verlangen trennen, um von diesen nicht verletzt zu werden.

Die Bhagavad Gita gibt uns eine andere Erklärung, warum die Anhänglichkeit an die Welt schädigend sein kann: Unsere Anhänglichkeit an die Früchte unserer Handlungen verhindert uns unsere Pflichten in der Welt auszuüben. Um eigene Pflicht wahrheitsgemäß zu erfüllen, sollte man sich vollständig mit dem Prozess oder der ausgeübten Aktivität beschäftigen, um die Aufmerksamkeit auf das zu richten, was in der Gegenwart notwendig ist, und sich nicht mit den Gedanken zu beschäftigen, was als Resultat eigener Handlungen passieren könnte. Wenn man zum Beispiel ein Lehrer ist, so ist es seine Pflicht sich auf das Unterrichten zu konzentrieren. Ein guter Lehrer unterrichtet nicht nur allein wegen der Bezahlung.

Der Sufismus lehrt uns, dass die Anhänglichkeit an die Welt uns verhindert die Wahrheit zu erreichen. Anhänglichkeit ähnelt einem Schleier, die das Gesicht des Geliebten verdeckt oder ist dem Rost auf der Oberfläche des Spiegels des Herzens gleich, was die Vision der göttlichen Spiegelung verdunkelt. Um die Wahrheit zu erfahren, sollte man bereit sein, sich von allen weltlichen Anhänglichkeit zu jedem beliebigen Augenblick zu entlasten. Das heißt auf keinen Fall, dass man sich isolieren sollte oder alle Besitztümer aufgeben sollte, um die Wahrheit zu erfahren. Weltliche Besitztümer und Komfort zu haben ist mit dem Zustand der Loslösung im Sufismus nicht unvereinbar. Es sind nicht die Besitztümer, die unsere Sicht trüben, sondern vielmehr ist es unsere Anhänglichkeit an diese, unserer Wunsch diese zu behalten, die Angst, dass wir diese verlieren werden, die Unfähigkeit ohne sie zufrieden zu sein – all das formt die Schleier. Die Loslösung verlangt von uns die Bereitschaft all diese Sorgen los zu lassen, um im Zustand der Bereitschaft zu sein, zu jedem beliebigen Augenblick alles ohne jegliches Bedauern und Reue aufzuopfern.

Der vorher beschriebene Zustand der Loslösung, könnte negativ erscheinen und ohne weitere Erklärung auch eigennützig. Man kann eigene Besitztümer, Leidenschaften und Beziehungen los lassen, sogar für einen guten Zweck, jedoch wird man dadurch andere belasten, während man sich selbst entlastet. Eine Person, die zum Beispiel seine Frau und Kinder verlässt, um einem Leben in Zurückgezogenheit und Meditation nachzugehen, könnte seiner Familie und Anderen, einen beträchtlichen Schmerz und harte Umstände bereiten. Handlungen, die sich selbst zuliebe unternommen werden und die anderen Schaden und Leid bereiten, sind weit davon entfernt positiv oder spirituell zu sein, und sind keine Beispiele für die spirituelle Loslösung.

sufi_love_scene_or93Damit eine Person in der Welt als ein gesundes Individuum funktionieren kann, ist eine emotionale Bindung zu anderen notwendig. Zu lieben oder sich um jemanden zu kümmern ist genauso notwendig wie Liebe und Zuneigung im Gegenzug zu erhalten. Eine Person, die keine emotionale Beziehungen mit anderen entwickeln kann und von anderen in diesem Sinne losgelöst ist, befindet sich in einem negativen Zustand. Solch ein Zustand ist von der spirituellen Loslösung weit entfernt, denn dieser fordert von uns, uns um andere zu kümmern während wir gleichzeitig bereit sind, das Verlangen etwas zu erhalten, loszulassen oder gewisses Ergebnis zu vermeiden oder Dinge zu behalten, deren Natur es ist, sich zu verändern und schliesslich zu erlöschen. Wenn wir von den Verlusten oder Leiden anderer nicht betroffen sind, so sind wir isoliert und nicht im Stande emotionale Nahrung zu geben oder zu empfangen, was einen wesentlichen Teil der menschlicher Natur darstellt.

Auf dem anderen Ende des Spektrums ist der Zustand, in dem unser Bedürfnis nach einer emotionalen Erfüllung so wichtig wird, dass dieser unsere Fähigkeit zu lieben, und sich um jemanden selbstlos zu kümmern beeinträchtigt. Solch eine Anhaftung ist oft zerstörerisch und kann uns dazu bringen, diejenigen, die wir lieben zu verletzen. Ein Beispiel solch einer Anhaftung ist eine Mutter, die sich in den Weg von Wachstums und der Entwicklung ihres Kindes zu einem unabhängigen Individuum stellt, weil sie sich wünscht, dass das Kind fortwährend ihre emotionalen Bedürfnisse erfüllt.

Wie sonst ist eine emotionale Loslösung möglich? Wie sonst kann man die gegenseitige Zuneigung und Mitgefühl ausdrücken und trotzdem dazu bereit sein zu jedem Zeitpunkt von eigenen weltlichen Leidenschaften und Ängsten loszulassen? Wie kann man spirituell losgelöst sein ohne anderen Leid zuzufügen? In der Sufitradition sind zwei fundamentale Erfahrungen im Leben notwendige Voraussetzung, für diesen Zustand zu existieren. Zuerst kommt die Erfahrung der Vergänglichkeit aller Dinge, inbegriffen uns selbst und allen Menschen, die wir kennen. Alles in dieser Welt befindet sich in einem Zustand des Übergangs und Transformation. Wir wissen, dass die Welt lange bevor wir auf die Welt kamen, existiert hat und lange nach unserem Tod existieren wird. Wir existieren nur in einem sehr kurzen Zeitraum, sodass wir nicht empfinden können, dass wir einen Anfang und ein Ende haben. Das Erkennen der vergänglichen Natur von allem in dieser Welt dient dazu, uns die Absurdität des Gedanken aufzuzeigen, dass das Erreichen unserer weltlichen Verlangen das ultimative Ziel unserer weltlichen Existenz darstellt. Es ist unsinnig an etwas zu haften, wovon wir wissen, dass es so wie wir es uns wünschen nicht erhalten bleibt und dass wir es auf jeden Fall bei unserem Tod verlieren.

Die zweite Erfahrung ist die der Unendlichkeit und Einheit durch Liebe. Hierbei meine ich nicht die Erfahrung von der unendlichen Natur der Zeit und die Einheit des Weltraums jenseits des Selbst. Ich nehme eher Bezug auf die Erfahrung des Selbst von der Zeitlosigkeit und Raumlosigkeit in Momenten einer intensiven Liebe – sei es der Liebe zu Gott oder einem anderen menschlichen Wesen oder sogar zu einem Tier. Im Zustand der Liebe sind wir nicht durch unsere Wahrnehmung von Zeit und Raum beschränkt – wir sind frei von unseren Einschränkungen und Grenzen. In solchen Momenten werden alle unsere Anhaftungen illusorisch und das Einzige, was real bleibt ist die Liebe selbst.

Das Paradox der Loslösung ist, dass es nur durch die Liebe zu jemandem oder etwas außerhalb uns selbst möglich ist.

Sufi Issue 88 – Winter 2015 

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