Die Bedeutung der Ergebenheit

Der erste Schritt auf dem Weg des Sufismus ist es, sich Gott zu ergeben. Wahre Ergebenheit ist keine bewusste Entscheidung, die als Resultat einer Reihe von Überlegungen ausgeführt wird. Gewöhnlich geschieht es nach Jahren von frustrierender Suche danach, den „richtigen“ Weg zu finden, mit unserem Leben umzugehen, den richtigen Weg, mit anderen umzugehen oder unser selbstzerstörerisches Verhalten unter Kontrolle zu bringen. Letztendlich geben manche Suchende auf und ergeben sich. Sie sind dazu gebracht worden sich zu ergeben, wenn sie keine andere Wahl mehr haben; sie verstehen mit dem ganzen Herzen, dass es richtig ist, das zu tun.

Aber was bedeutet es, sich Gott zu ergeben? Obwohl ich der Meinung bin, dass die Ergebenheit grundsätzlich nicht auf dem logischen Denken basiert, sodass wir uns Gott nicht deshalb ergeben, weil es dafür überzeugende Argumente gibt, können wir dennoch über solch eine Handlung nachsinnen. Wir können uns immer noch solche Fragen stellen wie – was es bedeutet sich Gott zu ergeben und wie solche Ergebenheit erreicht werden könnte.

Von der linguistischen Perspektive aus gesehen, hat die Ergebenheit nur im Kontext des Kämpfens oder des Widerstands einen Sinn. Wenn wir zuvor nicht mit jemandem oder etwas gekämpft haben, dann macht es wenig Sinn, sich zu ergeben. Wenn wir in einem gewöhnlichen Kampf erkennen, dass das Kämpfen sinnlos ist, so ergeben wir uns. Die gleiche Herangehensweise finden wir im spirituellen Bereich. Aber gegen wen kämpfen wir, bevor wir zu der Einsicht kommen, dass wir uns Gott ergeben müssen? Eine vorläufige Antwort ist: andere Menschen. Meistens sind es andere Menschen, die im Weg zur Erfüllung unserer Wünsche und Bedürfnisse stehen. Wir verbringen unzählige Stunden damit, entweder gedanklich, wörtlich oder sogar physisch mit anderen zu kämpfen. Manche Menschen haben das Glück zu begreifen, dass das nur die Spitze des Eisberges ist – dass die Abneigung anderen gegenüber einfach nur symptomatisch für unsere eigenen negativen Eigenschaften ist. Sie kommen zur Erkenntnis, dass der wahre Feind sich im Innern befindet, und um mit anderen in Harmonie leben zu können, müssen wir zuerst uns selbst erobern; diesen Feind oder anders gesagt das, was die Sufis die Nafs oder das Ego genannt haben. Das Hindernis, welches zwischen uns und dem harmonischen Leben mit anderen steht, ist nichts anderes als unser eigenes Ich.

Ein Beispiel, um diesen Punkt zu veranschaulichen, ist die Natur der Gier. Gierige Menschen sind nie mit dem, was sie haben zufrieden und wollen immer etwas mehr. Diese Eigenschaft wird sie zwangsläufig zu Auseinandersetzungen mit anderen führen. Die gierigen Menschen, die das besondere Glück haben, werden schließlich erkennen, dass das Problem überhaupt nicht die anderen Menschen darstellen, sondern vielmehr sie selbst. Ihnen wird bewusst, dass ihre eigene Gier die Quelle aller Konflikte mit anderen ist; somit werden sie versuchen ihre Gier zu kontrollieren, anstatt andere zu beschuldigen.

Wenn wir erst verstanden haben, dass der wahre Feind unser Ego ist, könnten wir zur Schussfolgerung kommen, das die Lösung darin liegt unser Ego zu kontrollieren oder sogar zu versuchen, es zu vernichten. Wir könnten ernsthaft anfangen, gegen die Wünsche und Verlangen unseres Egos anzukämpfen. Wenn wir jedoch ehrlich zu uns selbst sind, werden wir bald einsehen, dass der Kampf gegen unser Ego zum Scheitern verurteilt ist und dass wir die Idee aufgeben müssen, diese Schlacht alleine gewinnen zu können. Lasst uns wieder dem Beispiel der gierigen Menschen zuwenden. Wir können uns vorstellen, dass wenn den gierigen Menschen ihre Gier einst bewusst wird, diese verschiedene Pläne entwickeln könnten, um sich selbst zu stoppen, um nicht entsprechend ihrer Gier zu handeln. Zum Beispiel jedes mal, wenn sie diese Gier verspüren, könnten sie spazieren gehen oder versuchen zu meditieren oder etwas anderes tun, um ihre Gier vorübergehend zu umgehen. Aber auch auf diesem Weg werden sie immer noch erkennen, dass das Gefühl der Gier sie nicht verlassen wird. Sie können nur ihre Gier überwinden, wenn sie die Gier in sich selbst nicht mehr fühlen. Dies können wir jedoch nicht durch die bloße Willenskraft erzielen. Durch die Willenskraft könnten wir zwar aufhören uns gierig zu verhalten, wir können jedoch nicht aufhören die Gier zu fühlen. Die Einsicht, dass wir nicht im Stande sind unsere grundlegende Natur zu ändern, und dass wir uns akzeptieren müssen so wie wir sind, ist der Anfang auf dem Pfad der Ergebenheit.

Wenn wir einst zu der Einsicht kommen, dass das Bekämpfen unseren eigenen Egos uns nicht weit bringt, werden wir erkennen, dass der Weg nach vorne ist, es sich unserem Zustand gegenüber zu ergeben. Aber was ergeben wir und wem gegenüber ergeben wir es? Die Ergebenheit passiert in dem Moment, in dem wir aufhören gegen uns selbst und gegen andere zu kämpfen. Wir akzeptieren die anderen und uns selbst, so wie wir sind. Die negativen Eigenschaften anderer Menschen und unsere eigene Mängel stören uns nicht. Haben wir einst die Welt so wie sie ist akzeptiert – als eine Manifestation allumfassender Wahrheit – haben wir uns Gott ergeben. Auf dem Weg uns Gott zu ergeben, wird es uns deutlich, dass wir unsere Mängel nicht aus eigener Kraft überwinden können, sondern eher Aspiration und Unterstützung von außen suchen müssen – sei es von Gott oder von unserem geistigen Führer.

Die Essenz der Ergebenheit an Gott ist unsere Akzeptanz der Welt, so wie sie ist. In der Mahabharata gibt es eine Geschichte, die den Akt der Akzeptanz auf eine tiefsinnige Art und Weise veranschaulicht. Es gab einen Weisen, der immer wieder einen ertrinkenden Skorpion aus dem Ganges herauszog und immer wieder für seine Bemühungen vom Skorpion gestochen wurde. Als er gefragt wurde, wieso er die bösartige Kreatur immer wieder rette, antwortete der Weise, dass es in der Natur (dharma) des Skorpions liege zu stechen, es jedoch in der Natur (dharma) des Menschen liege, zu retten.

In unserer gegenwärtigen Kultur betrachtet man den Akt der Ergebenheit als eine passive und negative Eigenschaft. Wir sind eher dazu ermutigt, uns selbst und unsere Umgebung zu verändern, im Angesicht der Schwierigkeiten nicht aufzugeben und sich niemals unseren Umständen ergeben.

Man hat das Gefühl, dass unsere Kultur im Widerspruch mit der Idee der spirituellen Ergebenheit, wie es oben erklärt ist, steht. Es ist so stark ausgeprägt, dass der ständige Wechsel in uns und in unserer Umgebung, welche durch die Kultur gefordert wird, in uns und in den Menschen um uns herum einen Konflikt erzeugt. Somit sind solche kulturellen Normen in der Tat unvereinbar damit, die Welt so anzunehmen, wie sie ist. Zum Beispiel ist es eine Sache, unsere Gier zu akzeptieren, jedoch eine andere, darin ermutigt zu werden, auf Kosten der Zerstörung unserer Umgebung, gierig zu sein. Es ist eine Sache, sich eine Arbeit mit ausreichendem Gehalt zu suchen, jedoch eine andere, ständig die Arbeitsstelle auf der Suche nach mehr Geld und sozialem Status zu ändern; es ist eine Sache hervorragen zu sein in dem, was wir tun, jedoch eine andere, es auf Kosten anderer Menschen zu tun.

Im grundlegenden Sinn sollte die spirituelle Ergebenheit dennoch nicht im Konflikt mit der Bemühung, uns selbst und unsere Umgebung zu verbessern sein. Die Welt so anzunehmen wie sie ist, bedeutet nicht, dass wir nicht zu ihrer Harmonie und Schönheit beitragen sollten oder könnten. Eins der Kennzeichen von Denjenigen, die sich Gott ergeben haben ist, dass diese Menschen nicht mehr durch Eigeninteresse motiviert oder getrieben sind, denn es ist diese Eigenschaft, die sie in Konflikt mit anderen bringt, und somit ihren Pfad der Ergebenheit beendet. Es versteht sich von selbst, dass nur, wenn wir uns nicht im Krieg mit uns selbst und anderen befinden, wir schöpferisch und mitfühlend anderen gegenüber werden. Schließlich ist es unser Wesen, zu retten und zu schützen.

Ein Artikel aus dem englischen Sufimagazin Ausgabe 78, Winter 2009/ Frühling 2010

Please follow and like us:

Comments:0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.